Und führe mich nicht in Versuchung
Matthäus 6,13 – 6.3.2016 – Pastor Friedrich Kleibert

Wenn ich von Menschen höre, die gerade in einer Prüfung stecken oder sich darauf vorbereiten, werde ich immer sehr dankbar dafür, dass ich das hinter mir habe und mir wohl auch keine Prüfung mehr bevorsteht.


Höchstens die Überprüfung der Fahrtüchtigkeit für Senioren könnte noch auf mich zukommen - wenn sie denn eingeführt werden sollte.


Ich fand Prüfungen immer schrecklich und habe nicht eingesehen, warum sie sein müssen. Ich dachte, die Prüfungen ruinieren dir dein sonst ganz schönes Leben.


Du lernst und lernst und kannst an nichts anderes mehr denken. Und dann kommt doch was ganz anderes dran und am Ende war es gar nicht so schlimm. Aber bei der nächsten Prüfung geht das Theater von vorne los.


Jesus muss es in der Schule ähnlich ergangen sein, denn er nimmt das Problem sogar im Vaterunser auf. Gleich nach der Bitte um das tägliche Brot und der Bitte um Vergebung der Schuld kommt die Bitte: „führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.” Versuchung ist ein älteres Wort für Prüfung oder Erprobung. Und Jesus rückt die Prüfung auch gleich in die Nähe des Bösen, wo sie wohl auch hingehört.


Seine eigene Prüfung hat Jesus allerdings erfolgreich bestanden, das war eine glatte Eins. Das Prüfungsfach hieß ‚Bibelkunde’, die Prüfung fand in der Wüste statt und der Prüfer war ... der Teufel. Jesus fiel zu jeder der drei Prüfungsaufgaben die richtige Lösung ein, und konnte sie mit einem Bibeltext belegen: Prüfung bestanden. Trotz seines erfolgreich bestandenen Tests hat Jesus Mitgefühl mit seinen Schülern und will ihnen den Prüfungsstress ersparen.


Es ist für mich aber sehr die Frage, ob wir mit unserer Bitte im Vaterunser die Prüfungen in unserem Leben verhindern können. Die schulischen und beruflichen Prüfungen schon mal sowieso nicht. Und im Straßenverkehr fühle ich mich auch sicherer, wenn die anderen, die ein Auto oder einen Lastwagen steuern, eine Führerscheinprüfung gemacht haben. Auch wenn es im Vaterunser um Prüfungen des Glaubens geht, ist es fraglich, ob diese Prüfungen wirklich so schädlich sind. Stehen dahinter böse Mächte, die den Glauben zerstören wollen? Ganz so eindeutig ist das nicht. Immerhin wird ja im Vaterunser Gott angesprochen, als der, der in die Versuchung, bzw. Prüfung, führt.


Und Jesus wird „vom Geist Gottes” in die Wüste hinausgeführt, um vom Teufel geprüft zu werden. Nach der erfolgreichen Prüfung kommen auch gleich die Engel und feiern mit Jesus den Erfolg. Die Prüfung Jesu ist von Gott arrangiert und steht kurz vor seinem öffentlichen Auftreten, direkt nach seiner Taufe.


Auch bei Hiob ist es Gott, der den Ankläger, den Gottessohn Satan, auf Hiob und seinen großartigen Glauben aufmerksam macht. Und dieser Glaube wird dann mit dem Einverständnis Gottes geprüft. Die Freunde Hiobs, die ihm helfen wollen, fallen durch. Sie werden also gleich mit geprüft. Hiob dagegen besteht03 die Prüfung und bekommt alles wieder, was ihm genommen wurde und wird noch reich belohnt.


Diese Prüfungen sind von Gott veranlasst und dienen einem guten Zweck: der Festigung des Glaubens. Wenn die Prüfungen so gut sind, müssten wir doch keine Angst davor haben; wir könnten sie uns geradezu wünschen. Wir könnten mit Psalm 139 beten: Durchforsche mich Gott, sieh mir ins Herz, prüfe meine Wünsche und Gedanken!


Ob wir die Prüfungen nun wollen oder nicht, sie finden statt. Sie sind unangenehm, aber sie haben einen guten Zweck. Deshalb ist es das Beste, wenn wir uns darauf einstellen und versuchen, sie so gut wie möglich zu bestehen. Wo und wie finden denn nun die Glaubensprüfungen statt? Es wäre doch gut, das zu klären, damit wir uns darauf vorbereiten können. Alle, die befürchten, hier im Gottesdienst würde eine Prüfung des Glaubens erfolgen, kann ich beruhigen: das geschieht nicht, außer bei demjenigen, der die Predigt hält. Aber mir macht das nicht mehr so viel aus, seit mir mal jemand nach dem Gottesdienst eine glatte Sechs bescheinigt hat.


Die Prüfung des Glaubens findet auch nicht beim Bibelquiz in einer Gruppenstunde statt, obwohl es ganz hilfreich ist, wenn man sich in der Bibel gut auskennt - wie man bei der Prüfung von Jesus sehen kann.


Die Prüfung des Glaubens findet mitten im Leben statt, wie bei Hiob: Durch Unglück, Krankheit, Verlust und Tod.

Wenn etwas im Leben nicht erwartungsgemäß verläuft, wenn wir uns benachteiligt oder ungerecht behandelt fühlen, dann wird unser Glaube geprüft.


Vertraust du noch auf Gott, obwohl es dir schlecht geht? Kannst du wie Hiob sagen: Der Herr hat gegeben, und der Herr hat genommen, Ich will ihn preisen, was immer er tut.


Ein Mensch, dem es immer gut geht, dem alles gelingt, der gesund und erfolgreich ist, kann noch keinen gefestigten Glauben - als Vertrauen auf Gott - haben.


Erst wenn der Glaube Schwierigkeiten überstanden hat, ist er gefestigt.


Jede Prüfung ist unangenehm, erhöht aber die Zuverlässigkeit wie beim TÜV für Kraftfahrzeuge. Da werden alle Schwächen schonungslos aufgedeckt. Ich habe immer sehr gelitten, wenn der TÜV-Angestellte mit seinem spitzen Hammer gegen das Bodenblech meines VW-Käfers geklopft hat. Aber hinterher war es ein gutes Gefühl, mit einem „geprüften” Auto zu fahren, einem Auto, das verkehrssicher ist.


Trotz des guten Gefühls hinterher, würden wir wohl freiwillig keine Prüfung machen. Und so melden wir uns auch nicht freiwillig zur Glaubensprüfung, sondern beten: „Führe uns nicht in Versuchung”.


Das bedeutet: Wir wünschen uns von Gott einen Zustand, in dem unser Glaube nicht mehr bedroht ist und nicht mehr gefestigt werden muss; einen Zustand, in dem wir kein Unglück und keine Verluste mehr haben; in dem wir uns keine Sorgen mehr machen müssen, in dem wir nicht mehr leiden müssen und vor schwerwiegenden Entscheidungen stehen. Das alles fassen wir zusammen mit der Bitte: „führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen”.


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Doch es muss uns bewusst sein, dass es sich nur um eine Bitte handelt, und nicht um ein Versprechen Gottes. Wir dürfen Gott darum bitten, auf die Prüfung unseres Glaubens zu verzichten, aber wir müssen davon ausgehen, dass er die Bitte nicht immer erfüllt. Wenn wir aber in eine Prüfung hineingeraten, so dient sie auf jeden Fall der Reifung und Festigung unseres Glaubens.


Die Festigung deines Glaubens erfolgt, wenn du sagst: ,,Gott meint es gut mit mir, auch wenn es mir im Augenblick schlecht geht. Gott lässt mich nicht im Stich, auch wenn ich mich von allen verlassen fühle.


Damit wir uns besser auf Glaubensprüfungen einstellen können, betrachten wir zwei Prüfungssituationen im Neuen Testament. Einmal prüft Jesus seine Jünger: (Mt. 16, 13-17) Als Jesus in die Gegend der Stadt Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?” Die Jünger gaben zu Antwort: „Die einen halten dich für den wieder auferstandenen Täufer Johannes, andere halten dich für den wiedergekommenen Elija, und wieder andere meinen, du seist Jeremia oder sonst einer von den alten Propheten.” „Und ihr”, wollte Jesus wissen, „für wen haltet ihr mich?” Da sagte Simon Petrus: „Du bist Christus, der versprochene Retter, der Sohn des lebendigen Gottes!” Darauf sagte Jesus zu ihm: „Du darfst dich freuen, Simon, Sohn des Johannes, denn diese Erkenntnis hast du nicht aus dir selbst; mein Vater im Himmel hat sie dir gegeben.”


Kurz vor dieser Prüfung hatten sich die Jünger noch ziemlich dumm angestellt.


Jesus hatte vom „Sauerteig der Pharisäer” gesprochen und damit ihre Lehre gemeint. Aber die Jünger dachten, es handle sich um Sauerteig zum Brotbacken.


Umso erstaunlicher ist es, dass sie einen richtigen Lichtblick haben, als Jesus sie danach fragt, für wen sie ihn halten. Das Lob von Jesus für Petrus fällt auch entsprechend überschwänglich aus: „Du darfst dich freuen, Simon, Sohn von Johannes, denn diese Erkenntnis hast du nicht aus dir selbst, mein Vater im Himmel hat sie dir gegeben.”


Das bedeutet doch wohl: In wirklich wesentlichen Fragen in ganz wichtigen Prüfungen springt Gott ein und sagt sogar die richtige Antwort vor. Für unser Prüfungsverständnis ist das natürlich komisch, wenn der Prüfer dem Prüfling die Antwort vorsagt. Aber es ist ja eine Glaubensprüfung, und die hat eigene Regeln.


Für mich bedeutet diese Geschichte, dass es nicht so schlimm ist, wenn wir nicht alles wissen und alles gleich verstehen; aber dass es wichtig ist zu wissen, worauf es ankommt, nämlich wer Jesus Christus ist und es auch sagen zu können.


Das ist geprüfter Glaube, wenn man weiß, dass Jesus Christus der Sohn des lebendigen Gottes und der von Gott versprochene Retter ist.


Die zweite Glaubensprüfung betrifft Jesus selbst. Sie folgt direkt nach der erfolgreichen Prüfung der Jünger. Nun wird der Prüfer selbst geprüft.


(Mt. 16, 21-23) Von da an begann Jesus seinen Jüngern zu eröffnen, was Gott mit ihm vorhatte: dass er nach Jerusalem gehen musste, dass er dort von den Ratsältesten, den führenden Priestern und den Gesetzeslehrern vieles erleiden musste, dass er getötet werden und am dritten Tag auferweckt werden musste.


Da nahm ihn Petrus beiseite, fuhr ihn an und sagte: „Das möge Gott verhüten, Herr; nie darf dir so etwas zustoßen!” Aber Jesus wandte sich von ihm ab und sagte: „Geh weg! Hinter mich, an deinen Platz, du Satan! Du willst mich von meinem Weg abbringen! Deine Gedanken stammen nicht von Gott, sie sind typisch menschlich.”


Jesus hat erkannt, welchen Weg er gehen soll: den Weg des Leidens, des Sterbens und des Auferstehens. Ihn beschäftigt das und er möchte seine Schüler darauf vorbereiten und mit ihnen darüber reden. Doch statt Mitgefühl und Verständnis zu zeigen, will ihm Petrus diesen Weg ausreden. Petrus macht Jesus heftige Vorwürfe, obwohl er noch gar nicht verstanden hat, worum es geht.


Jesus lässt sich durch diesen Einwand von Petrus aber nicht verunsichern. Genauso heftig weist er den Einwand zurück. Jesus sieht in der Reaktion von Petrus eine Prüfung seines Glaubens und des Weges, den er erkannt hat. Diese Situation dürfte uns bekannt vorkommen: Wir erkennen, dass wir einen Weg gehen sollen, auf den Gott uns sendet; aber wir schrecken davor zurück, weil der Weg mit Schwierigkeiten verbunden ist. Die Bedenken können von uns selbst kommen oder von anderen Menschen, die es durchaus gut mit uns meinen.


Unser Glaube ist gefestigt, wenn wir trotz Schwierigkeiten und Leid das Vertrauen auf Gott nicht verlieren, und im Vertrauen auf ihn den richtigen Weg auch gehen. Jesus geht diesen Weg, und durch die Prüfung seines Glaubens wird er darin noch bestärkt - auch ohne die Unterstützung seiner Freunde.


Ist das vielleicht auch unser größtes Problem und die größte Herausforderung für unseren Glauben, wenn wir einen Weg vor uns haben, der mit Schwierigkeiten beginnt?


Jesus geht den schwersten denkbaren Weg - durch Verrat, Verhaftung, Verurteilung, Verspottung und Hinrichtung. Und er erlebt dann das schönste denkbare Fest: Die Auferstehung. Die bestandene Prüfung ist der Sieg über das Böse und die ungestörte Gemeinschaft mit Gott.


Die schlechte Nachricht dieser Predigt: Wir haben die Prüfungen doch noch nicht hinter uns, die schwersten kommen vielleicht noch.


Aber die gute Nachricht dieser Predigt ist: Die Prüfungen unseres Glaubens dienen der Festigung unseres Glaubens. Und: Die schwerste Prüfung müssen wir nicht mehr bestehen. Jesus hat sie bestanden, und wir müssen das nur dankbar annehmen und mit ihm feiern. Dazu lädt er uns ein - auch in diesem Gottesdienst, wenn wir miteinander Abendmahl feiern.


Uns bleibt die Hoffnung, dass wir durch die Prüfungen in unserem Glauben gestärkt und gefestigt werden.



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