Er zog mich aus der grausigen Grube
Psalm 40,1-5 – 30.12.2012 – Pastor V. Janke

Ich saß im Zug nach Delmenhorst. Nebenan unterhielten sich drei junge Frauen über Unfälle, die sie kürzlich erlebt hatten. Es war erstaunlich, wie lange man sich über Unfälle unterhalten kann. Offenbar gab es Gesprächsbedarf. Dann stiegen zwei von ihnen aus. Und dann wurde ich sehr nachdenklich als die junge Frau, die noch weiter fuhr, ihre Mutter anrief. Ob sie Zeit hat, fragte sie. Sie sprach davon, dass sie am ganzen Körper zittert. Ich erfuhr, dass die junge Frau mit ihrem Roller kürzlich verunglückt war. Besonders erschütterte sie die Reaktion eines Autofahrers. Er wies sie aus dem Auto darauf hin, dass an ihrem Roller etwas kaputt war. Dieser Mann hatte scheinbar keine Antenne für ihre innere Verfassung. Die Verunglückte war erzürnt und sprachlos angesichts dieses Verhaltens und angesichts des Unfalls. Äußerlich ging es der Frau gut. Aber innerlich war sie tief getroffen. Man sieht es Menschen nicht unbedingt an, wenn sie Schweres erlebt haben oder gerade erleben. Und wenn man vor Not am ganzen Körper zittert, dann ist es sehr gut, wenn ein Mensch zuhört und mitfühlt. Über diese Beobachtung habe ich nachgedacht.


1. Wenn man Schweres erlebt, ist es gut, mit jemandem reden zu können.


Wie gut hat der es, der seine Schwächen, seine Ängste, seinen Ärger mitteilen kann. Wie gut hat der es, der mit seinen Fragen und Gedanken nicht allein ist. Wie gut ist es dann, verstanden zu werden. Zuhören und Verständnis haben sind ein Dienst an Menschen in Not. Wo Menschen Schweres erleben, da wird heilsame Liebe erfahrbar in der Zuwendung durch einen anderen.


„Es ist gut, sich aussprechen zu können. Es ist gefährlich, es nicht zu können.”

(Hermann Oeser, dt. Schriftsteller)


Man lindert oft sein Leid, indem man es erzählt.

(Pierre Corneille)


Gottes Wort sagt, Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Römer 12,15 Liebe ist erlebte und gewährte Anteilnahme. Das Gespräch ist sehr wichtig. Aber es hat auch Grenzen. Es gibt Situationen, da reicht es nicht, mit anderen über Not zu reden.


Lukas berichtet von zwei Männern, die von Jerusalem nach Emmaus unterwegs waren. Sie waren bedrückt und ratlos. Jesus ist gekreuzigt worden. Und dann erzählten einige, dass er lebt. Sie reden also und bleiben doch ratlos und traurig. Jesus tritt zu ihnen. Sie erkennen ihn aber nicht. Er fragt sie, Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk Lk 24


Das tut Jesus auch heute. Er fragt die, die Sorgen und Kummer haben: Was bedrückt dich? Was denkst du? Jesus möchte, dass wir ihm sagen, was wir auf dem Herzen haben. So wie du mit einem guten Freund sprichst, so kannst du mit Jesus reden.


Ich habe mich gefragt, worin für Menschen in Krisen der Nutzen einer Predigt besteht. Eine Predigt kann das Geschehene nicht ungeschehen machen. Aber Gott kann durch eine Predigt die Gedanken auf gute Pfade lenken und ermutigende Impulse geben. Gott möge durch diese Predigt gute Wege zeigen, die es sich lohnt, zu gehen.


2. Wenn man Schweres erlebt, ist es gut, mit Gott reden zu können.


David, der König von Israel, schreibt sehr ehrlich von persönlichen Krisen von schweren Erfahrungen. In Psalm 40 schreibt David von einer solchen Krise: Ich harrte des HERRN, und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien. Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schmutz und Schlamm, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann. 2+3 Es ist nicht wichtig zu wissen, was genau der Grund für sein Schreien zu Gott war. Wichtig ist, dass David zu Gott schrie. Worin bestand sein Schreien? Vielleicht in dem einfachen Gebet:
Gott, hilf mir!!!


Im Alten Testament wird von einer Frau namens Hanna erzählt. Sie hatte großen Kummer, weil sie keine Kinder bekam und weil sie deswegen gemobbt wurde. Als sie in Jerusalem Gott ihre Not klagt, denkt ein Priester, sie sei betrunken. Darauf sagt sie, Nein, mein Herr! Ich bin eine betrübte Frau; Wein und starkes Getränk hab ich nicht getrunken, sondern mein Herz vor dem HERRN ausgeschüttet. 1 Sam 1,15


Es tut gut, Gott sein Herz auszuschütten. Wenn das Herz voll ist mit Kummer oder Wut, dann können wir Gott alles sagen. Steh des Nachts auf und schreie zu Beginn jeder Nachtwache, schütte dein Herz aus vor dem Herrn wie Wasser. Klgl 2,19 Ich schütte meine Klage vor ihm aus und zeige an vor ihm meine Not. Ps 142,3


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Paul Gerhardt hat es so formuliert: Befiehl du deine Wege / und was dein Herze kränkt / der allertreusten Pflege / des, der den Himmel lenkt. / Der Wolken Luft und Winden / gibt Wege, Lauf und Bahn / der wird auch Wege finden, / da dein Fuß gehen kann.


Beides gehört zum Leben von David. Die Erfahrung, in einer grausigen Grube festzustecken, von Schmutz und Schlamm umgeben zu sein. Das ist eine sehr drastische Erfahrung. David hat zu Gott um Hilfe geschrien! Wir erfahren nicht, in welcher Not David war. Aber sicher ist: das Wasser stand ihm bis zum Hals. Aus dieser Lage heraus hat ihm Gott geholfen. Auch diese Erfahrung, dass Gott hilft, dass Gott ihm wieder festen Boden untern den Füßen schenkt, dass Gott ihn aus der grausigen Grube gerettet hat. Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schmutz und Schlamm, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann. Psalm 40,2+3


Wer sich hilflos fühlt oder gar versunken ist, schreit nach Hilfe. Gott kann auch aus der ausweglosesten Lage erretten und helfen. Wir haben einen Gott, der hilft und der vom Tode errettet. Es ist manchmal das Beste, zu Gott zu schreien, wenn ich in großer Not bin!


3. Wenn man Schweres erlebt, ist es gut, das Gute und Schöne nicht zu vergessen.


Er aber sprach zu ihr: Du redest, wie die törichten Frauen reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen. Hiob 2,10


Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn, er hat dir viel Gutes getan!


Die Danklieder des Psalters sind voll davon, dass Gott aus dem Machtbereich des Todes rettet und retten will. Ich preise dich, Herr, denn du hast mich aus der Tiefe gezogen. Mit diesen Worten beginnt das Danklied (Ps 30,2), um wenig später fortzufahren: HERR, du hast mich von den Toten heraufgeholt; du hast mich am Leben erhalten. (Ps 30,4). Auch andere Beter sprechen über ihre Dankbarkeit für die Hilfe Gottes in ähnlicher Weise aus. Er streckte seine Hand aus und fasste mich und zog mich aus großen Wassern. (Ps 18,17). Du hast meine Seele vom Tode errettet. (Ps 116,8). Du hast mein Leben aus dem Grab geführt. (Jona 2,7). Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde. Ps 71,20


David macht die wunderbare Erfahrung: Gott erhört Gebet. Damit ist nichts darüber gesagt, warum Gott nicht immer eingreift. Hat David „besser” gebetet als andere? Hat er Gott mehr vertraut als andere?


Gottes Hilfe ist nie unser Verdienst. Es ist Gnade Geschenk! Was zählt, ist die Barmherzigkeit Gottes. Darauf sollen wir hoffen.


Diese Erfahrung hat auch Josua gemacht, der Pastor einer Kirche in Kampala, der Hauptstadt Ugandas. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts herrschte dort der Diktator Idi Amin (1971-1979). Seine Geheimpolizei berichtete dem Diktator, dass die Gemeinde von Pastor Josua immer größer wurde. Daraufhin veranlasste der Diktator die Gefangennahme von Pastor Josua. Er wurde in ein Kellergefängnis geworfen, wo er auf seine Hinrichtung wartete.


Er schrie zu Gott: „Herr, ich fürchte mich. Hilf mir, Herr. Nein, ich habe nicht Angst zu sterben, aber ich habe Angst vor der Folter, die kommt, bevor sie mich umbringen.” Dazu muss man wissen, dass in diesem Gefängnis viele Gefangene nicht durch einen Schuss getötet wurden, sondern mit dem Vorschlaghammer. Pastor Josua betete: „Herr, lass bitte den ersten Schlag tödlich sein.”


Dann geschah ein Wunder. Josua berichtet später: „Plötzlich schien ein helles Licht in meiner dunklen Zelle. Ich hörte eine Stimme sagen: ‚Du bist nicht allein. Ich bin mit dir. Immer!’ Alle Angst verschwand. Ich kniete nieder und dankte Gott. Dabei muss ich mit lauter Stimme gesungen haben, denn plötzlich ging die Zellentür auf und zwei Polizisten schleppten mich hinaus. Ich dachte, der Augenblick sei gekommen, mich umzubringen, doch ich hörte nicht auf, meinen Gott zu loben. Als mich der Offizier sah und mein Singen hörte, sagte er zu den beiden Polizisten: ‚Dieser Mann ist verrückt. Es hat keinen Sinn, ihn umzubringen. Werft ihn raus.’ Kurz danach”, so erzählt Pastor Josua später, „war ich ein freier Mann” (aus „Jeden Tag geborgen”, herausgegeben von Jan Pit, Hänssler-Verlag).


Gott hilft nicht immer so. Doch manchmal greift er auch so ein, so dass dann einer im staunend beten kann: „Ich harrte des HERRN und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien.”



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