Von Eulen und Eseln leben lernen
Epheser 5,15-21 – 21.10.2012 – Pastor V. Janke

Was tun, wenn man nur noch wenige Monate zu leben hat? Die 23–jährige Ann ist geschockt, als ihr der Arzt die tödliche Diagnose stellt: Sie hat Gebärmutterkrebs und keine Hoffnung auf Heilung. Doch statt in ein tiefes Loch zu fallen, macht sie eine Liste von Wünschen, die sie sich noch erfüllen will, und Dingen, die noch zu regeln sind. Ihr Todesurteil behält sie jedoch für sich. Die Ehefrau und Mutter zweier Kinder will ein Stück Leben auskosten, bis zur Neige. Sie will ihren Vater im Gefängnis besuchen, eine neue Frau für ihren arbeitslosen Ehemann finden und selbst mit einem wildfremden Mann wahre Leidenschaft genießen. Das bewegende Drama hat den vielsagenden Titel
„Mein Leben ohne mich.”
Was würde auf deiner Liste von Wünschen stehen? Was würdest du noch unbedingt tun und erleben? Warum warten wir manchmal so lange bis wir etwas tun, was wir schon lange tun wollten? Ich befürchte, dass auch für Christen der Titel dieses Films angebracht wäre: Mein Leben ohne mich. Oder trifft es die Sache besser zu sagen: Mein Leben als Christ ohne Christus?


Der Schriftsteller Jonathan Swift stellt fest: ”Die meisten Menschen bereiten sich darauf vor, demnächst zu leben”. Ob Jesus wohl feststellen würde: „Die meisten Christen bereiten sich darauf vor, demnächst ernsthaft als Christen zu leben?

Christian Schwarz schreibt in seinem Buch Anleitung für christliche Lebenskünstler


„Falls du es noch nicht wissen solltest: Das ganze Leben besteht aus Augenblicken. Versäume vor lauter Aufarbeitung der Vergangenheit und Vorbereitung der Zukunft um Himmels willen nicht das Jetzt!”


Unsere Zeit ist ein kostbares Gut, sie ist einmalig, sie ist begrenzt. Und wir müssen es lernen, achtsam und klug mit unserer Zeit zu haushalten. Paulus wird nicht müde immer wieder zu betonen (Eph 4,1.17; 5,2.8): Nun lebt doch was ihr glaubt. Heute. Macht etwas aus der Lebenszeit, die Gott euch zur Verfügung stellt. Macht etwas aus den Gelegenheiten, die sich euch bieten. Zwei Tiere sollen uns heute leiten beim Nachdenken über diesen Text und Hören.


1. Christen sollen wie die Eulen leben – weise. V.15f


So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit.


Warum ist wohl die Eule das Symbol für Weisheit? Die Eule gilt – in der Antike begründet (Begleiterin von Athene, Tochter des Zeus und Beschützerin Athens) als Hüterin des Wissens. So wird die Eule als Symbol der Weisheit mit Doktorhut und Talar oder auf Büchern sitzend dargestellt. Viele Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Buchhandlungen und Buchverlage haben die Eule als Emblem gewählt. Auch die Redensart "klug wie eine Eule" hat hier ihren Ursprung. Lebt klug und weise wie Eulen! In der Bibel ist Weisheit und Klugheit aber mehr als Wissen. Es reicht nicht, die richtigen Antworten zu wissen! Christsein ist mehr als eine Kopfsache. Leben als Christ ist Nachfolge. Da geht es darum, mit Christus und seiner Gemeinde zu leben. Worin weises und kluges Verhalten sich zeigt sagt Jakobus: Jak 3,13–18. Hier im Epheserbrief macht Paulus weises Verhalten daran fest, dass die Zeit ausgekauft wird, denn es ist böse Zeit. Ganz einfach: wir können aus einer Gelegenheit etwas machen – oder nicht.


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Der Maßstab, um Zeit zu messen ist nicht die Uhr, sondern der Wert. So hat es Erich Kästner in seinen Kindheitserinnerungen festgehalten. Um den Wert eines Jahres zu erfahren, frage einen Studenten, der im Schlussexamen durchgefallen ist. Um den Wert eines Monats zu erfahren, frage eine Mutter, die ein Kind zu früh zur Welt gebracht hat. Um den Wert einer Woche zu erfahren, frage den Herausgeber einer Wochenzeitung. Um den Wert einer Stunde zu erfahren, frage die Verlobten, die darauf warten, sich zu sehen. Um den Wert einer Minute zu erfahren, frage jemanden, der seinen Zug, Bus oder Flug verpasst hat. Um den Wert einer Sekunde zu erfahren, frage jemanden, der einen Unfall überlebt hat. Um den Wert einer Millisekunde zu erfahren, frage jemanden, der bei den Olympischen Spielen eine Silbermedaille gewonnen hat.


Zeit ist also nicht an ihrer Länge zu messen, sondern an ihrem Inhalt. Was also ist die Zeit?


Zeit ist das, was wir aus ihr machen.


Dazu eine kleine Parabel, die ich kürzlich aufgeschnappt habe: Ein Mönch wurde einmal von einem wilden Tiger verfolgt. Er rannte so schnell er konnte, bis er plötzlich am Rand einer Klippe stand. Er bemerkte, dass ein Seil über der Klippe hing, griff danach und hangelte sich daran hinunter. Als der Mann den Blick nach unten riskierte, sah er dort einen großen, zerklüfteten Felsen. Nach oben blickend sah er den Tiger, der sich auf der Klippe in Position gestellt hatte. Und genau in dem Augenblick fingen auch noch zwei Mäuse an, an dem Seil zu nagen. Was sollte er tun? Der Mönch blickte jetzt direkt auf die Felswand vor sich und entdeckte dort eine Erdbeerpflanze, die eine Frucht trug. Er pflückte sie sofort ab, aß sie und rief aus: „Mmmh, lecker! Das ist die beste Erdbeere, die ich je gegessen habe”. Wenn er nur mit dem Felsen unter sich (der Zukunft) und dem Tiger hoch über sich (der Vergangenheit) beschäftigt gewesen wäre, hätte er die Erdbeere verpasst, die nur jetzt in diesem Augenblick greifbar war. (Aus: Aufatmen 3/2002, S.34)


Der Theologe Helmuth Thielicke schreibt in seiner „Theologischen Ethik”: „Es liegt im neutestamentlichen Zeitbegriff beschlossen, dass ich immer auf das Nächste und den Nächsten, dass ich immer auf das unmittelbar Gegebene, auf das mir vor den Füßen Liegende und vor die Hände Kommende, verwiesen werde. Weder der Priester noch der Levit noch der Samariter sind gefragt, was aus ihrem (sicher sehr sinnvollen) Reisezweck wird, wenn sie jetzt jene Reise unterbrechen, um unter Lebensgefahr dem unter die Räuber Gefallenen zu helfen. Sie sind auf das Nächstliegende, buchstäblich auf den vor ihnen Liegenden, verwiesen. Die Liebe ist ein Vermögen der Improvisation, die auf den Augenblick gerichtet ist. Wer die Frage stellt, was daraus werde und was danach komme, wenn er dieser Pflicht angesichts des Nächsten gehorche, wird schuldig. Priester und Levit werden ja in der Tat schuldig. Darum ist uns die Sorge für den andern Tag verboten: wir sollen uns mit der Brotration für einen, eben den heutigen, Tag begnügen. Und auch das unsern Weg geleitende Wort Gottes ist nur eine Fußleuchte, die den nächsten Schritt erhellt, aber kein Scheinwerfer, der uns über lange Wegstrecken vorausschauen lässt.” (Ethik)


Lebe ich eigentlich? Oder werde ich gelebt? Was will ich und was will der Herr? Welche Sehnsüchte trage ich in mir und wo neige ich zu Süchten, um ihnen nahe zu kommen? Sorgfältige und aufrichtige Selbstreflexion ist eine gute Sache, wenn wir weise leben wollen. Und Achtsamkeit.



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