Sieben Tage und sieben Nächte – Echte Anteilnahme
Hiob 2,11-13 – 20.11.2011 – Pastor V. Janke

Es ist besser, in ein Haus zu gehen, wo man trauert, als in ein Haus, wo man feiert; denn da zeigt sich das Ende aller Menschen, und der Lebende nehme es zu Herzen!

Prediger 7,2


„Man darf mit dem Trösten nicht zu früh anfangen.“ (Erich Kästner)


Trauern und Abschied nehmen gehören zum Leben. Das haben wir mit dem ersten Schrei unseres Lebens selbst erfahren. Heute ist Ewigkeitssonntag. Wie an Karfreitag, erinnern wir uns auch heute: Abschied und Trauern gehören zum Leben dazu. Sowohl mit Blick auf unser eignes Leben als auch an der Seite von Menschen, die uns lieb sind.


Hiob hat es die Sprache verschlagen. Er ist angesichts seines Verlustes sprachlos. Er ist in einer ver-zweifelten Lage. Doch er ist nicht allein. Seine Freunde stehen ihm bei, schenken ihm Anteilnahme. Echte Freundschaft hilft ungemein! Man muss nicht immer reden, um zu helfen. Aber es ist notwenig, da zu sein, Anteilnahme zu zeigen. Den Trauernden nicht allein lassen. Trauer kann total und um-fassend sein, alle Bereiche des Lebens überdecken. Trauer nimmt den ganzen Menschen in Beschlag. Die folgenden Verse bieten eine Lehrstunde in praktischer Seelsorge für jedermann. Wir können mit schweren Lebenssituationen so umgehen, dass Menschen geholfen wird.


1. Hingehen und wahrnehmen Hiob 2,11+12a


Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie waren eins geworden hinzugehen, um ihn zu beklagen und zu trösten. Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht…


Was ist geschehen? Hiob, ein frommer und angesehner Mann, verliert über Nacht seine sieben Söhne und drei Töchter, dazu sein ganzes Vieh, seinen Reichtum. Und zu diesem großen Unglück wurde er am ganzen Körper mit Geschwüren geschlagen. Als seine Freunde diese Hiobsbotschaft erfahren, lassen sie sprichwörtlich alles stehen und liegen, streichen alle Termine und machen sich auf den Weg. Bei Hiob zu sein hat für sie Vorrang, Priorität. Diese Freundschaft ist der Grund, dass sie ihren Alltag unterbrechen. Nicht als Familienangehörig. Als Freunde! Das ist Liebe, die etwas kostet.


Sie erkennen ihn nicht. V.12 Erkennen ist hier ganzheitlich gemeint. Hier bedeutet es: die Freunde sehen ihn und können doch seine ganze Not nicht wahrnehmen, so groß ist sie. Es ist wichtig, dass wir uns auf trauernde Menschen so einlassen, dass wir sie anschauen und mit ihnen fühlen. Trauernde wollen wahrgenommen, beachtet werden. Trauernde brauchen unsere Aufmerksamkeit.


Es ist traurig von Aidskranken zu lesen, dass sich alte Freunde distanzieren nachdem ihre Krankheit bekannt wurde. Familien erzählen, dass sich andere auf einmal zurückziehen weil ein Familienmitglied ins Gefängnis musste. Nähe wird gemieden. Abstand wird gesucht. Da sind Gemeindemitglieder erschüttert und traurig, weil sie erleben: andere Christen machen auf einmal einen großen Bogen um sie, als sie mitbekommen haben, dass die Tochter ein uneheliches Kind erwartet. Moralischer Abstand. Sicherheitsabstand, großer Bogen. Die Freunde von Hiob halten keinen Abstand, machen keinen Bogen. Sie setzen sich zu Hiob auf diesen Aschehaufen und sind Hiob ganz nah. Und sie reden kein Wort, sieben Tage, sieben Nächte.


Sie kommen ungerufen. Es heißt, im Unglück zeigt es sich, wie viel eine Freundschaft wert sei. Nichts hält sie davon ab, ihn aufzusuchen, weder die Angst vor einer ansteckenden Krankheit noch der Gedanke an Hilfe, die Hiob vielleicht von ihnen erwartet, noch die Angst vor der eigenen Hilflosigkeit und Ohnmacht. Die Freundschaft mit Hiob hat Gewicht. Hiob muss selber ein guter Freund gewesen sein. Angesichts des Leides verschlägt es ihnen die Sprache. Sie können nichts außer da sein bei ihrem Freund. Und gerade darin bewährt sich ihre Freundschaft. Das tut jedem Leidenden gut. Jesus wird sagen, „Ich war krank und ihr habt mich besucht.“ Matth 25,36





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2. Trauer ausdrücken
Hiob 2,12b+13


… und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid, und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.


Bemerkenswert ist, wie sie mit ihm trauern: Sie nehmen zunächst einen weiten Weg auf sich. Und sie nehmen sich Zeit. So wichtig ist ihnen ihr Freund. Und als sie bei ihm sind, weinen sie mit ihm. Sie sehen, wie groß sein Schmerz ist. Sie wiegeln die Härte der Trauer nicht ab. Sie halten das Bittere mit ihrem Freund aus. Sie erliegen nicht der Versuchung, schnell etwas Tröstendes sagen zu wollen. Sie-ben Tage und sieben Nächte lang schweigen sie mit dem, der Haus, Hof, Kinder und Gesundheit ver-loren hat. Sie sind einfach bei ihm und machen seine Trauer auch zu ihrer. So zeigen sie ihm, dass sie echte Freunde sind, auch wenn sie ihm letztlich sein Leid nicht abnehmen können.


Sie weinen laut. Die Tränen und die Klagen sind der erste Ausdruck ihrer Traurigkeit. Hier sind es „laute Tränen.“ Es bewegt ihr eigenes Herz. Sie lassen es zu, dass der Schmerz des anderen das eigene Herz erreicht und sie mit ihm fühlen. Erwachsene Männer weinen laut. Sie fühlen den Schmerz ihres Freundes. Das ist natürlich, wenn wir Menschen sehen, die sehr traurig sind. Umso mehr, wenn es Freunde sind.


Sie zerreißen ihre Kleider. Das ist ein jüdischer Brauch auf Trauerfeiern bis heute. Einmal ist es ein Ausdruck des körperlichen Schmerzes. Wie oft fressen wir Emotionen in uns hinein. Zweitens drückt es aus, wie verletzlich unser Körper ist, unser Leben… Wie wichtig und hilfreich ist es, Gefühle des Mitgefühls ganzheitlich auszudrücken!


Sie sitzen mit ihm schweigend auf der Erde. Sie gehen auf Augenhöhe mit dem Leidenden und schweigen. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Keine guten Ratschläge, Tipps, Vorschläge, Beschwichtigungen. Wie gut. Sieben Tage lang. Eine intensive Trauerperiode (Schiwa), die heute noch nach dem Tod eines geliebten Menschen in Israel gewahrt wird. Es tut Trauernden gut, wenn einfach jemand da ist und nicht versucht, die Sache in den Griff zu kriegen. Wir haben keine Ahnung vom Leid des anderen, zumindest nicht in seiner Tiefe. Also, besser mal still sein… beten, schweigen, da sein, trösten. Die Bedeutung des Schweigens beim Mitleiden und Begleiten eines Menschen in Not kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wortlos dabei zu sein ist zunächst hilfreicher, als mit vielen Worten trösten zu wollen. Echte Nächstenliebe besteht in der Fähigkeit, den Nächsten fragen zu können: Welches Leiden quält dich? Diese Frage lässt den anderen zur Sprache kommen und verzichtet auf die eigenen Antworten und Vorstellungen.


„Das ist eine Haltung des Mitleidens, die manchen Christen leider oft fehlt. Oft gehen wir eher lieblos mit kranken oder leidenden Geschwistern um: ein schnelles Gebet “und: wirkt es schon?”, eine Phrase “schau auf den Herrn!” und damit hat sich die Sache für uns oft schon erledigt. Es fällt leichter für jemanden zu beten oder ihn zu beraten, als mit ihm auf dem Boden zu sitzen und ihm zuzusehen, wie er leidet. Doch Liebe verlangt das oft, dass wir füreinander da sind und nicht nur füreinander beten oder einander zu predigen.“ (C. Lenzen)


Der hohe Wert von Freundschaft und Verbundenheit zeigt sich im Begleiten in Lebenskrisen. Die drei Freunde begegnen Hiob und solidarisieren sich mit ihm in seinem Leid. Sie tun dies auf beein-druckende Weise. Diese Selbsterniedrigung hat auch Jesus gezeigt. Er wurde Mensch und kam zu uns in unsere Welt. Ich wünsche uns, dass wir Freunden und Mitmenschen so begegnen können, damit schwere Momente ein wenig leichter werden durch das gemeinsame Tragen und dass Liebe als heilsam und hilfreich erfahren wird.


„Aber ich harre, Herr, auf dich; du, Herr, mein Gott, wirst erhören.“

Psalm 38,16


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