Der Größte unter euch soll euer Diener sein
Matthäus 23,1-12 / 23.05.2010 – V. Janke

Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Jesus lehrt diesen wichtigen Grundsatz. Im Reich Gottes ist der groß, der als Diener lebt. Als Christen sollen wir daran erkannt werden, dass wir mit der Einstellung eines Dieners leben. Das bedeutet auch, dass bestimmte Gedanken tabu sind, wie zum Beispiel: wer ist wichtiger, höher gestellt, ein besserer Mensch – was ist meiner würdig und was nicht? So zu denken ist unchristlich – eigentlich. Doch in Wirklichkeit sind solche Überlegungen auch bei Christen zu finden.


Es war während meines Studiums in den USA. Ich war Theologiestudent im 3. Semester am Criswell College in Dallas, Texas. Der Schulleiter, Dr. Patterson, ließ mich fragen, ob ich als sein Assistent für ihn arbeiten möchte. Assistent des Schulleiters zu sein war ein begehrter Posten - auch finanziell attraktiv. Ich nahm das Angebot an und war stolz darauf, Assistent des Schulleiters zu sein - ich war nun jemand Besonderes an der Schule. Dann kam mein erster Arbeitstag. Dr. Patterson bat mich in sein Büro, zog seine Cowboystiefel aus, gab sie mir, und bat mich ohne viel Aufhebens: „Bring‘ die Stiefel bitte zum Schuhputzer zwei Straßen weiter – vielen Dank.“ Alles hatte ich erwartet – nur das nicht! So kam es, dass ich die Stiefel des Schulleiters zum Putzen trug, vorbei an meinen Mitstudenten – ein komisches Gefühl hatte ich dabei und ein bisschen Widerwillen gegen diesen Dienst. Aber ich tat, was mir aufgetragen war. Später weihte mich Dr. Patterson ein, dass er jedem neuen Assistenten diese Aufgabe anvertraute um zu sehen, wie er darauf reagierte.


1. Ob ich wirklich als Diener lebe, zeigt sich im Alltag

Kommen solche Situationen im Alltag nicht häufig vor? Putzt du gerne die Schuhe anderer Leute? Trägst du gerne den Müll raus? Wie hältst du es mit dem Abwaschen? Ob ich wirklich als Diener lebe, zeigt sich im Alltag darin, wie ich die einfachen Aufgaben wahrnehme. Ob ich wirklich als Diener lebe, das können meine Frau und meine Kinder am Besten beurteilen. Ob ich wirklich als Diener lebe, das erkenne ich erst, wenn ich genauer hinschaue und mich frage: „Was motiviert mich wirklich? Warum mache ich manches gerne? Warum fällt mir anderes sehr schwer?“ An die Christen in Korinth schreibt Paulus die Worte: In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller. (1.Kor 12,7) Gott hat jedem Christen seinen Geist gegeben. So können wir Diener werden!


Je länger ich Matth 23,1-12 lese, desto deutlicher sehe ich: diese Worte sind hochaktuell! Pharisäer haben das zur Perfektion entwickelt, was auch bei vielen Menschen heute im Ansatz erkennbar ist: Sie wollen gerne jemand Besonderes sein, sie sind stolz auf ihre eigene Frömmigkeit, ihre Gaben und Leistungen. Anerkannt und gewürdigt zu werden ist ihnen sehr wichtig. Menschen kommen ja nicht als Diener auf die Welt. Im Gegenteil. Wir lassen es uns gerne gefallen, bedient zu werden. Und wenn wir jemandem dienen sollen, dann erwarten wir dafür einen würdigen Lohn.



2. Ob ich wirklich als Mensch lebe, zeigt sich in meinem Alltag


„Stirbt ein Bediensteter während seiner Dienstreise, so ist damit seine Dienstreise beendet.” Wir schmunzeln über die Komik deutscher Gründlichkeit. Jesus würde sagen: Unser Leben ist eine Dienstreise. In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller. Erst dann bin ich wirklich Mensch, wenn ich gerne anderen diene. So hilft uns der Geist Gottes, Mensch zu werden. Menschen, wie Gott sie sich ursprünglich gedacht hat. Jesus aber sagt: Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht. Die Pharisäer haben sich selbst erhöht. Sie meinten, dass sie bessere Menschen wären. In Lukas 18,9-12 steht: Er (Jesus) sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.


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Darum kritisiert Jesus die Pharisäer so hart. Sie wissen genau, was Gott will. Doch in Wahrheit genügt es ihnen, von den Menschen beachtet und verehrt zu werden. Wie haben die Pharisäer wohl reagiert, als Jesus sagte: Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß? Ich reagiere empfindlich darauf, wenn mir unehrliche Motive unterstellt werden. Doch ich weiß, dass auch in mir ein Pharisäer wohnt, dass meine Motive nicht immer christlich sind.


Jesus verurteilt nicht das Tragen von Gebetsriemen und Quasten. Diese Tradition geht zurück auf das wörtliche Verständnis von Texten im Alten Testament. Gebetsriemen waren lederne Riemen, die ein Kästchen am Körper hielten, in dem sich ein kunstvoll beschriebenes Bibelwort auf Pergament befand. Sie wurden von frommen Männern beim Gebet getragen – eins an der Stirn unmittelbar unter den Haaren senkrecht über der Nase; das andere Kästchen wurde ebenfalls mittels eines Riemens am linken Oberarm unter der Kleidung getragen, so dass das Bibelwort in gleicher Höhe wie das Herz lag und diesem zugewandt war. Diese Gebetsriemen trugen die besonders Frommen den ganzen Tag. Sie sollten den Träger stets an das Gesetz erinnern und zugleich ein Sinnbild dafür sein, dass der Träger stets bereit war, das Gesetz zu befolgen.


Offenbar machten die Pharisäer die Gebetsriemen besonders breit, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Jesus verurteilt dies versteckte Verlangen nach Bewunderung und Ehre. Dass sie die Gebetsriemen extra breit und die Quasten extra groß machten, das verriet ihre wahre Motivation. Sie wollten den Anschein besonderer Frömmigkeit vermitteln. Sie hungerten nach Anerkennung. Ständig.


3. Jesus macht Menschen zu Dienern, zu wahren Menschen


Kennt ihr den? Drei kleine Jungen versuchen sich gegenseitig zu überbieten und streichen dabei auch die Wichtigkeit ihrer Familienmitglieder heraus. Der erste: "Mein Onkel ist Pastor und wenn er durch die Stadt geht, grüßt ihn jeder und sagt 'Guten Morgen, Hochwürden'!" Der zweite: "Mein Onkel ist sogar Bischof und wenn er durch die Stadt geht, verneigen sich alle vor ihm und sagen 'Guten Morgen, Eminenz'!" Der dritte: "Mein Onkel ist so dick, das glaubt ihr gar nicht; und wenn er durch die Stadt geht, ruft jeder 'Oh mein Gott'!"


Auch Christen sind in Gefahr, äußere Dinge zu sehr zu betonen: Wie ich mich kleide, wenn ich zum Gottesdienst gehe; wie gekonnt ich mein Gebet formuliere; wie sicher ich die einzelnen Töne beim Singen treffe; wie treu und verbindlich ich Gemeindeveranstaltungen besuche; welches Amt ich in der Gemeinde bekleide usw. Es ist wichtig, dass ich mich immer wieder ehrlich frage: Wem will ich es recht machen? Wessen Anerkennung suche ich?


Wer sich aber selbst erniedrigt, den wird Gott erhöhen. Jesus glaubt, dass wir wahre Diener werden können. Du und ich können als echte Diener leben. Das finde ich ermutigend! Jesus kennt uns. Er weiß, wie wir sind. Aber er weiß auch, wie wir werden können. Wer sich selbst erniedrigt, der wird wahrer Mensch. Wer sich zum Diener anderer macht, der ist frei von Minderwertigkeitsgefühlen, von Geltungsstreben, von der Sehnsucht nach Ruhm und Ehre. Dabei will Jesus uns helfen. Jesus selbst hat ja als Diener gelebt. Ich möchte Mut machen. Sicher gibt es heute eine Gelegenheit, dass wir uns darin üben, anderen zu dienen. Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Dadurch wird Gott geehrt und wir werden zum Segen für andere.



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