Tröstet, tröstet mein Volk
Jesaja 40,1-8 – 23.12.2012 – Pastor V. Janke

Der ausgeflippte Rabbi
ist eine Geschichte von Sussja von Hanipol, einem jüdischen Wanderprediger. Er lebte vor 200 Jahren in Südostpolen. Sein berühmter Lehrer war Rabbi Dow Bär von Mesritsch. Dessen Schüler waren alle sehr stolz, bei ihm studiert zu haben. Oft hieß es: Der große Maggid (hebr. für Erzähler, Wanderprediger) sagt dies, dazu hat der große Maggid jenes gesagt. Einer seiner Schüler konnte da nicht mithalten: Sussja von Hanipol.


Der hat von dem, was sein Lehrer gesagt hat, so gut wie nichts mitgekriegt. Das kam daher, weil er selten eine Rede des Meisters zu Ende angehört hat. Denn zu Anfang der Rede, wenn der Maggid den Satz der Heiligen Schrift vortrug, den er auslegen wollte, und mit den Worten der Schrift Und Gott sprach, Und Gott redete begann, ergriff die Verzückung Rabbi Sussja. Er schrie und bewegte sich so wild, dass er die Tafelrunde verstörte und man ihn hinausführen musste. Da stand er dann im Flur oder in der Holzkammer, schlug an die Wände und schrie: Und Gott sprach! Er wurde erst still, wenn der Lehrer auszulegen aufhörte. So kam es, dass er die Reden des Maggids nicht kannte.
(Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim, Seite 375)


Sussja von Hanipol hat etwas sehr Wertvolles verstanden. Sollte nicht jeder Mensch darüber begeistert sein, dass Gott redet?! Ist das denn selbstverständlich, dass Gott redet? Nein, das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Hätte Gott nicht geredet – wir wüssten nicht, ob es einen Gott gibt. Wir wüssten nichts von ihm. Geliebt und gesegnet von Gott – wer würde auf so einen Gedanken kommen?! Gut möglich, dass wir von Angst bestimmt wären, ausgeliefert einem unbekannten Schicksal. Wie im dichten Nebel würden wir nur vermuten, befürchten – wir würden im Nebel uns verirren ohne zu wissen: Ist was dahinter? Was ist dahinter? Diesen Nebel können wir nicht zerteilen. Aber Gott hat den Nebel zerteilt. Gott hat zu uns gesprochen. Darauf beruht unser Glaube. Darum ist die Reaktion von Rabbi Sussja nicht verrückt. Staunen, dass Gott redet, das ist eine angemessene Reaktion.


Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich. Es ist erstaunlich, wie oft hier vom Rufen, Predigen und Sprechen die Rede ist. Und über allem steht die Aufforderung Tröstet, tröstet mein Volk! Beides gehört zusammen. Es wird gerufen, gepredigt und gesprochen, damit traurige und bedrückte Menschen getröstet werden. Trost bedeutet Zuwendung, freundliche und Hoffnung stiftende Worte – von Gott. Das Reden, Predigen, Sprechen mündet in der Feststellung: „Das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.” Was tröstet bedrückte Menschen?


1. Wenn Gott freundlich zu uns spricht ist das tröstende Zuwendung.


Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden. V.1f


„Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen.”

Karl Jaspers (1883-1969, dt. Philosoph)


Wie viele Menschen sehnen sich im Grunde ihres Herzens nach Worten! Dass der Ehepartner wieder redet, dass Kinder wieder mit den Eltern reden, dass der Freund wieder anruft. Redet mit Jerusalem freundlich. Dass Gott freundlich mit uns spricht, weckt Hoffnung und tröstet.


„Die bittersten Worte, die Menschen einander sagen, wirken selten so entzweiend wie die unausgesprochenen, die der eine vom anderen vergeblich erwartet.”

(Hans Carossa)


Wer wieder redet, will etwas – Beziehung, Versöhnung, trösten. Wer Trost braucht, sehnt sich nach Zuwendung und freundlichen Worten. Von Anfang an war es Gott wichtig, sich Menschen mitzuteilen. Sein Reden ist Ausdruck seiner Liebe zu uns. Advent bedeute darum Trost – Gott kommt zu uns mit seinem Wort der Liebe und Vergebung.


„Auf die Ankunft, auf diesen Advent des Wortes Gottes wollen die Sätze aus dem Jesajabuch aufmerksam machen.”

(R. Rengstorf)


Oft bleibt Gottes Wort ungehört. So viele andere Worte übertönen Gottes Reden. Kannst du unter den vielen Stimmen Gottes Stimme hören? Nimmst du dir die Zeit, auf sein Wort zu hören? Gottes Reden wird übertönt von dem, womit Menschen auf sich aufmerksam machen, womit sie sich in den Vordergrund schreien. Trotzdem redet Gott. Er meldet sich auch durch die, die seine Botschaft weitergeben.


Sünden und Schuld werden von Gott beim Namen genannt. Daran erkennt man sein Wort. Aber Gott legt die schuldig Gewordenen nicht fest auf das, was sie getan haben. Gott befreit von dem, was andere ihnen immer von neuem vorhalten. Es schafft eine freundliche Atmosphäre. Schuldige können aufatmen, sich aufrichten und ihr Leben erhobenen Hauptes neu beginnen. Das tut Gottes Wort bis heute – auch mit mir und mit euch. Darum kommen wir hierher. Gottes Wort wirkt und verändert eine gnadenlose Wirklichkeit.


Das ist vor kurzem in der Talkshow von Maybrit Illner deutlich geworden. Es ging um die Gier von Politikern. Und von allen Seiten wurde der frühere Bundespräsident Christian Wulf erneut genüsslich mit dem belastet, was er falsch gemacht hat. Da meldete sich der alte Heiner Geißler zu Wort: „So geht das hier nicht weiter. Wulf hat längst bezahlt für seine Schuld. Er ist tiefer gefallen als irgendjemand sonst. Und nun muss Schluss sein mit den immer gleichen Vorhaltungen. Er hat eine neue Chance verdient, und die müssen wir ihm einräumen.”


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2. Wenn Gott zu uns kommt ist das tröstende Zuwendung.


Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet. V.3-5


Die Menschen, denen Jesaja diese Worte zuerst sagte, lebten als Minderheit im Land ihrer Feinde. Sie waren geduldet! Was für ein Wort. Vor mehr als 40 Jahren hatten die Babylonier ihre Vorfahren nach der Eroberung Jerusalems nach Babylonien verschleppt. Alle Hoffnungen, dass ihr Gott die Schmach rächen und sie im Triumphzug wieder ins gelobte Land bringen würde, hatten sich zerschlagen. Gottverlassen – so fühlten sie sich.


Denn hier geht es nicht um einen einzelnen Menschen, der auf Grund seiner persönlichen Situation Trost braucht. Hier geht es um Trost für ein ganzes Volk. Das Volk lebte ohne Hoffnung auf eine gute Zukunft, ohne Aussicht auf ein Leben wie es Gott einmal versprochen hat. Ihr sollt mein Volk sein und ich will euer Gott sein. Das hatte Gott gesagt. Aber dann hat er sie ins Exil geführt, weil das Volk von Gott abgefallen war. Ein ganzes Volk suchte nach Rettung, suchte danach endlich befreit zu werden, aber nichts tat sich.


Dann kam das erlösende Wort Gottes: Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. (…) Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg… Advent bedeutet: Gott sehnt sich danach, bei uns zu sein. Gott möchte zu dir kommen. Er will bei dir sein. Wer soll dem Herrn den Weg bereiten? Jeder, der Gott begegnen will. Die entscheidende Frage lautet: Ist Gott willkommen? Durch sein Wort verspricht Gott Leben in der Wüste. Sein Wort richtet aus auf den, der uns entgegenkommt.


3. Wenn Gott die Angst vor dem Sterben nimmt ist das tröstende Zuwendung.


Es spricht eine Stimme: Predige! Und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.


Gottes Wort befreit uns von der Illusion der Unsterblichkeit. Wir sind Teil der Natur und wie diese vergänglich. Da gibt es nichts zu beschönigen. Gottes Wort lässt Raum für die Klage darüber, dass alles im Tode endet und wir nichts an uns haben, was wir dem Tod entgegensetzen könnten. Und dennoch steht unser Leben unter dem Gebot „Predige!” Als Jugendlicher bereitete mir der Gedanke, dass mit dem Tod alles aus ist, ein sehr mulmiges, ungutes Gefühl. Das machte mir Angst. Was ist das für eine Perspektive, dass mein Leben nach 70 oder 80 Jahren einfach zu Ende sein soll – für immer?! „Gott, wenn es dich gibt, dann zeig dich mir. Lass mich erkennen, dass es dich gibt.” Das war mein ständiges Gebet.


Und als ich Jesus persönlich dann wirklich kennenlernte und mein Leben ihm übereignete, da war die Angst vor dem Sterben weg. Und sie ist weg seitdem! Das erleben Menschen auch heute. Gott will uns in unserer Sterblichkeit ansprechen. Gott will uns durch sein Wort die Angst nehmen vor dem „verwelken, verblühen, verenden.” Gott verspricht ewiges Leben – unvergängliches Leben! Paulus sagt, Christus Jesus (hat) dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium. 2. Tim 1,10


„Gott, du kommst mit dem Wort, das den Bann der Vergangenheit löst, dem Leben in der Wüste Bahn bricht und todgeweihte Menschen sagen und singen lässt von deiner Ewigkeit. Komm auch zu uns!”


„Tröstet, tröstet”, spricht der Herr ist ein Adventslied, das der Hamburger Pastor Waldemar Rode (1903–1960) im Jahr 1937 dichtete.


  • »Tröstet, tröstet«, spricht der Herr, / »mein Volk, dass es nicht zage mehr.«
    Der Sünde Last, des Todes Fron / nimmt von euch Christus, Gottes Sohn.
  • Freundlich, freundlich rede du / und sprich dem müden Volke zu:
    »Die Qual ist um, der Knecht ist frei, / all Missetat vergeben sei.«
  • Ebnet, ebnet Gott die Bahn, / bei Tal und Hügel fanget an.
    Die Stimme ruft: »Tut Buße gleich, / denn nah ist euch das Himmelreich.«
  • 4. Sehet, sehet, alle Welt / die Herrlichkeit des Herrn erhellt.
    Die Zeit ist hier, es schlägt die Stund, / geredet hat es Gottes Mund.
  • Alles, alles Fleisch ist Gras, / die Blüte sein wird bleich und blass.
    Das Gras verdorrt, das Fleisch verblich, / doch Gottes Wort bleibt ewiglich.
  • Hebe deine Stimme, sprich / mit Macht, dass niemand fürchte sich.
    Es kommt der Herr, eu'r Gott ist da / und herrscht gewaltig fern und nah.

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