Herr, lehre mich, dass mein Leben ein Ziel hat
Psalm 39 / 7.11.2010 – V. Janke

Es gibt Fragen, die soll man nicht stellen. Die Höflichkeit verbietet es. Kinder müssen das erst lernen. Zum Beispiel in der folgenden Situation: Die Tante kommt zu Besuch. Sie hat den Koffer abgestellt, den Mantel ausgezogen, man begrüßt sich herzlich. Und das Lächeln im Gesicht der Mutter erstarrt, als das Kind unverblümt fragt, “Wann fährst du wieder?” Die Reaktion der Mutter macht schnell deutlich: diese Frage ist nicht gestattet. Dabei ist sie so verständlich. Wie lange wird die Tante bleiben? Das ist für ein Kind schon wichtig zu wissen. Wer zu Besuch kommt, wird auch irgendwann wieder abreisen. Das gilt nicht nur für Besucher. Das gilt für unser Leben.


In Psalm 119 betet jemand, Ich bin ein Gast auf Erden... (V.19) In Psalm 39 betet David ganz ähnlich, Ich bin ein Gast bei dir... (V.13) Ich erinnere mich an zwei Menschen, die ich im Sterben begleitet habe. Ein junger Mann Anfang 20 und eine Frau in mittleren Jahren – beiden waren nicht in der Lage, ein Ja zu ihrem Lebensende zu finden. Sie weigerten sich zu akzeptieren, dass ihr Leben früher als erwartet zu Ende gehen sollte. Sie konnten es einfach nicht. Das musste ich akzeptieren.


Salomo schreibt im Buch Prediger, Es ist besser, in ein Haus zu gehen, wo man trauert, als in ein Haus, wo man feiert; denn da zeigt sich das Ende aller Menschen, und der Lebende nehme es zu Herzen! (7,2) Natürlich weiß jeder Mensch, dass er einmal sterben wird. Aber oft ist das nur ein theoretisches Wissen. Doch in der Begegnung mit Trauernden und Sterbenden können wir uns dieser Wahrheit nur schwer verschließen. Das ist besser, sagt Salomo! Es ist besser, die Sterblichkeit zu erleben und zu Herzen zu nehmen. Es ist besser, die Tatsache der eigenen „Abreise“ zu Herzen zu nehmen. Dafür steht Psalm 39.


»HERR, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss. Siehe, meine Tage sind eine Handbreit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! SELA. Sie gehen daher wie ein Schatten und machen sich viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es einbringen wird.« Ps 39,5-7


Klug ist, wer mit Gott auch über sein Lebensende spricht und Gott um Hilfe bittet, das eigene Sterben nicht zu verdrängen. Klug ist, wer sein Leben, seine Lebenszeit in den Dienst für Gott stellt. Es heißt von den Fuggern, den reichsten Männern und Frauen Europas, dass sie sich regelmässig zum Schlafen in ihren eigenen Sarg legten. Es gibt sicher noch andere gute Möglichkeiten, sich mit dem eigenen Sterben vertraut zu machen. Haben auch Christen Probleme mit der Tatsache, dass sie sterben werden? Wann plane ich meine Beerdigung? Sollte ich das überhaupt tun? Was möchte ich am Ende erreicht haben? Was möchte ich an meinem Grab gesagt haben? Was sollen Menschen in Erinnerung behalten? Diese Fragen sind meiner Meinung nach wesentliche Fragen. Diesen Fragen sollen wir nicht ausweichen. Darum meine ich, Klug ist, wer mit Gott auch über sein Lebensende spricht und Gott um Hilfe bittet, das eigene Sterben nicht zu verdrängen.


In seinem Buch “Vitamin P”
schreibt U. Vach:


Der ganze Psalm 39 ist das Gespräch eines Sterbenskranken mit Gott. Angesichts seines Körpers, der immer schwächer wird, zieht dieser Mann Bilanz, Lebensbilanz. Wie nützlich das sein kann, hat Matthias Claudius so gesagt: »Der Tod ist ein guter Professor der Moral, und man lernt von ihm mehr als von irgend einem. Wer sich von ihm lehren lässt, der wird auch klug fürs Leben.« Steht jemand in der Blüte seines Lebens und macht vielleicht gerade beruflich Karriere, kann er sehr schnell das Gefühl bekommen, es könne immer so weitergehen. Aber wenn der Tod einem vor Augen steht, sieht das ganz anders aus.


Von Ludwig XIV, dem französischen Sonnenkönig, sagt man, er habe es in den letzten Jahren seines Lebens verboten, dass man in seiner Gegenwart auch nur ein einziges Wort vom Tod sage. Und der Philosoph Schopenhauer, der besonders viel von der Verneinung des Lebens sprach, pflegte im Alter jedes Gespräch über den Tod sofort abzubrechen. Diese beiden sind nicht die Einzigen, die den unangenehmen Gedanken an den Tod lieber beiseite schieben. Doch der Psalmist sagt, dass das Ende kommt. Manchmal bald. Manchmal früher als man denkt.




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In dieser Sorge bestürmt der Psalmist das Herz Gottes. Er setzt seine ganze Hoffnung auf ihn. Er will zumindest, wenn er denn schon sterben muss, auch am Ziel ankommen, bei Gott. So mancher ist ja am Ende, aber nicht am Ziel. (...) Wer Gott vertraut, hat eine Perspektive über diese handbreit Leben hinaus. Dann sind die Schmerzen nicht weniger, und geweint wird auch. Aber wer heute schon zu Gott gehört, ist auch Bürger in seiner neuen Welt, in der es dann keine Schmerzen mehr geben wird, kein Geschrei, keine Tränen, ja keinen Tod. Das ist die beste Perspektive, die es für einen vom Tode gezeichneten Menschen gibt. Es ist die beste Perspektive für jeden Menschen.


HERR, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss. V. 5 Das darf ich glauben und das will ich glauben: Gott hilft mir gern, mein Leben vom Ziel her zu gestalten. Gott macht mich frei von dem krampfhaften Festhalten an diesem Leben. Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher liegen. Denn du wirst mich nicht dem Tode überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe. Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich. Ps 16,9-11


Manfred Siebald hat vor Jahren ein sehr schönes, hilfreiches Lied geschrieben. Herr, lehre mich, ist ein Gebet, das wesentliches zur Sprache bringt – auch das eigene Abschiednehmen:


Herr, lehre mich. Ich rede hier mit dir, dass ich das darf, will mir oft nicht in meinen Kopf, denn wer bist du und wer bin ich, dass du mich hörst, mein Gott? Lehre mich.


Herr, lehre mich, was gute Wünsche sind. Oft bin ich noch zu blind, um deinen Willen zu begreifen, und dann bitte ich an dir vorbei. Ach Herr, lehre mich.


Manches habe ich gelernt von klugen Leuten. Manches habe ich sogar andere gelehrt. Doch was hat mein Wissen denn schon zu bedeuten? Vieles weiß ich halb, und andres ist verkehrt. Was ich denk, will ich an deinen Worten messen. Niemand auf der Welt gibt mir so guten Rat. Hilf mir, das, was du mich lehrst, nicht zu vergessen, dass es sichtbar werden kann in meiner Tat.


Herr, lehre mich, wie du die Menschen siehst, wie wertvoll jeder ist — so wertvoll, dass du starbst für jeden und dass keiner sich für wertlos halten muss. Lehre mich.


Lehr mich, dass ich nicht frag, wer was besitzt und was mir einer nützt. Lehr deine Liebe mich verschwenden, wie du sie an mich verschwendet hast. Ach Herr, lehre mich.


Manches weiß ich mit dem Kopf und kann es nennen, und ich mache es mir immer wieder klar.


Doch bis es die Füße und die Hände können, geht so mancher Tag ins Land und manches Jahr.


Was ich denk, will ich an deinen Worten messen. Niemand auf der Welt gibt mir so guten Rat.


Hilf mir, das, was du mich lehrst, nicht zu vergessen, dass es sichtbar werden kann im meiner Tat.


Herr, lehre mich auch, dass ich sterben muss, damit ich nicht zum Schluss auf die paar Jahre seh und frage: Warum habe ich sie nur so schlecht genutzt? Lehre mich.


Herr, lehre mich. Es gibt so vieles noch, was ich nicht weiß, und doch muss ich so handeln jeden Augenblick, als wüsste ich.was wirklich nötig ist. Lehre mich.


(Manfred Siebald,
Das ungedüngte Feld)


Klug ist, wer mit Gott auch über sein Lebensende spricht und Gott um Hilfe bittet, das eigene Sterben nicht zu verdrängen.


Klug ist, wer sein Leben, seine Lebenszeit in den Dienst für Gott stellt.



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