Menschen, die das Martinshorn hören
Lukas 1,67-79 – 02.12.2012 – Pastor V. Janke

Ich möchte euch eine außergewöhnliche Geschichte erzählen. Sie handelt von einer Mutter und ihrem kranken Baby. Die christliche Hilfsorganisation Mercy Ships war in diesem Jahr im Hafen von Lome. Lome ist eine Stadt in Togo in Westafrika. Dort lebt die Mutter mit ihrem Baby. Sie hatte gehört, dass auf dem Schiff kostenlose medizinische Hilfe für kranke Menschen angeboten wird. Das kleine Mädchen litt darunter, dass seine Schädelplatten viel zu früh zusammen gewachsen waren. Ihr Gesicht war entstellt und ohne Hilfe würde das kleine Kind sterben. Bisher hatte niemand dem Kind helfen können. Die Mutter setzte alle Hoffnung auf die Ärzte dieses Schiffes. Doch viel konnten diese nicht für das Kind tun. Als ich von dem Baby und der Mutter hörte, da waren die beiden schon in einem Krankenhaus in Bremerhaven. Jemand hatte sich stark gemacht für das kleine Kind. Jemand hatte eine Möglichkeit gefunden, dass dem Mädchen doch noch geholfen werden konnte. Mehrere Operationen musste das Baby über sich ergehen lassen. Fast drei Monate dauerte der Aufenthalt in Bremerhaven. Jaqueline hat als Übersetzerin geholfen. Klatts haben die Mutter und ihr Kind regelmäßig besucht. Das Kind lebt. Das kleine Mädchen hat Zukunft, weil viele Menschen geholfen haben.


Diese Geschichte handelt von Hoffnungslosigkeit und Hoffnung. Der Lobgesang des Zacharias hat auch mit Hoffnungslosigkeit und Hoffnung zu tun. Im Lob des Zacharias geht es auch um Rettung aus unbeschreiblich großer Not. Zacharias lobt Gott, weil Gott sich über sein Volk erbarmt. Und er lobt Gott, weil ein Kind geboren ist, das einen Weg bereitet für den Retter. Dieser Wegbereiter heißt Johannes. Er ist der gerade geborene Sohn des Zacharias. Der Lobgesang und die Freude von Zacharias haben ganz viel mit der Treue Gottes zu seinem Versprechen zu tun. Gott hatte Rettung versprochen. In Vers 70 ist davon die Rede: wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten.


In der Geburt von Johannes dem Täufer, wie er später genannt wurde, sieht Zacharias eine Art Sonnenaufgang. Der Sonnenaufgang bedeutet: Nicht mehr lange und die Sonne leuchtet hell. Die Geburt von Johannes bedeutet: Nicht mehr lange und der von Gott versprochene Retter ist da. Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen hoffe Israel auf den HERRN! Denn bei dem HERRN ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm. Ps 130,6f


Das erinnert mich an ein Erlebnis. Ich war mit dem Auto unterwegs und plötzlich stand ich im Stau. Zuerst ärgerte ich mich. Dann hörte ich das Martinshorn. Kurz darauf sah ich das Blaulicht. Ein Notarztwagen brauste an mir vorbei. Und dann dachte ich: Da ist jemand in Not – in großer Not. Jemand braucht ganz schnell Hilfe. Der Notarztwagen bewirkte ein Umdenken: mein Ärger über den Stau wurde unbedeutend gegenüber der Not des Menschen, für den der Notarzt unterwegs war. Wer würde schon den Notarzt rufen, wenn er nicht in Lebensgefahr wäre?! In Psalm 70 betet David: Eile, Gott, mich zu erretten, HERR, mir zu helfen ! V.2 Für Zacharias war die Geburt seines Sohnes wie das Hören eines Martinshorns. Die Geburt seines Sohnes bedeutete: bald ist der Retter da. Wir hören das Martinshorn, bevor wir den Rettungswagen sehen. Und weil wir es hören, wissen wir: er ist unterwegs, gleich ist er da. Wer Gott beim Wort nimmt ist ein Mensch, der das Martinshorn hört. So erlebte es Zacharias. Er sah seinen Sohn und wusste: nicht mehr lange, dann sehen wir Ihn, dann ist der Retter da, dann ist Hilfe da. Es gibt viele Menschen, die sehnsüchtig auf Hilfe warten. Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, Geldprobleme und Trauer können erdrückend auf einem Menschen lasten. Der Schriftsteller Hermann Hesse sagte einmal: "Die Verzweiflung schickt uns Gott nicht, um uns zu töten, er schickt sie uns, um neues Leben in uns zu wecken."


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Am Ende dieses Bibeltextes spricht Zacharias von Menschen, die in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen. Das ist ein Bild für Hoffnungslosigkeit. Wenn das eigene Baby leidet und nicht mehr lange leben wird, wenn niemand helfen kann, dann ist das Sitzen in Finsternis und Schatten des Todes. Ein Bürgerkrieg wie in Syrien, Terrorismus, Flüchtlingslager, eine schwere Krankheit sind weitere Beispiele für Finsternis. Es gibt viele Menschen, die sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes. Wer hilft mir? Wer macht sich für mich stark? Wer macht mein Leben wieder lebenswert?


Ich versuche mir vorzustellen, wie es der Mutter des Babys ging, als sie hörte: „Sie können mit ihrem kranken Kind nach Deutschland fliegen. Dort wird jemand ihrem Kind helfen. Alles ist bezahlt.“ Ob sie vor Freude geweint hat? Ob sie vor Freude getanzt hat? Zacharias hätte die große Freude dieser Mutter verstanden. Ihm ging es ja ähnlich. Überschwängliche Freude und Dankbarkeit sprechen aus den Worten dieses alten Vaters. Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seine Dieners David. Bei diesen Worten muss ich an Psalm 126 denken. Dort steht: Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen unter den Heiden: Der HERR hat Großes an ihnen getan! Der Mund von Zacharias war voll Lachens. Und seine Zunge war voll Rühmens. Der Herr hat Großes getan – für ihn und für sein Volk. Und – das ist ganz wichtig – auch für uns.


Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen der Freude dieser Mutter aus Togo und der Freude des Zacharias. Die Mutter freut sich darüber, dass ihrem Kind geholfen wird und es nicht sterben muss. Zacharias freut sich darüber, dass Gott die geistliche Not seines Volkes Israel beendet. Sein Horizont ist viel größer. Zacharias hat seinem Volk sein ganzes Leben als Priester gedient. Er hat Opfer dargebracht und für die Menschen aus seinem Volk gebetet. Und nun freut er sich, dass der versprochene Retter sehr bald erscheinen wird. Wörtlich sagt er, dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde, ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen. Zacharias weiß, was die Menschen aus seinem Volk brauchten.


Der Lobgesang des Zacharias enthält eine wunderbare Nachricht. Sie lautet: Es gibt Rettung für Verzweifelte, für die, die sitzen in Finsternis und im Schatten des Todes. Und es gibt Befreiung für die, die unfrei sind, die alleine nicht frei werden können aus der Hand von Feinden. Der starke Retter, von dem Zacharias spricht, ist Jesus Christus. Jesus ist „der Höchste“ dessen Prophet Johannes der Täufer sein wird. Im Hebräerbrief steht, dass Jesus die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten. (Hebr 2,15) Darum singen Christen auf der ganzen Welt in diesen Tagen: „Freue dich Welt, dein König naht. Mach deine Tore weit.“ Einen Arzt zu haben, der dem eigenen schwerkranken Kind helfen kann, ist wunderbar. Jesus Christus zu kennen, der mich befreit von der Furcht vor dem Tod, ist noch bedeutender.



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