Verlieren, Finden und Feiern
Lukas 15,8-10 – 08.09.2013 – Pastor V. Janke

Gesucht werden… Seit 3 Jahren bemüht sich Herr Enno Borchers aus Rastede ehrenamtlich darum, die Adresslisten der Konfirmationsjahrgänge von 1930-90 zu aktualisieren und zu pflegen. Insbesondere geht es darum, die seit Jahren bzw. Jahrzehnten nicht vorhandenen Adressen zu ermitteln bzw. die Personen ausfindig zu machen. Von den ursprünglich über 200 fehlenden Adressen sind heute noch ca. 50 verblieben: Es sind die Geburtsnamen.”
(Gdbrief 9-11/2013 Esenshamm, Seefeld, Schweiburg, Schwei)


Als ich das las, dachte ich zuerst belustigt: ‚Der Kirche sind ihre Mitglieder abhanden gekommen. Bitte helft alle mit beim Suchen.’ Aber dann wurde mir bewusst: In Wahrheit ist es eine traurige Realität. Menschen, die dazu gehören, die da sein sollten, sind verloren gegangen. Wie viele Menschen sind uns als Gemeinde abhanden gekommen? Wie viele sind nicht mehr dabei? Wie viele könnten noch dabei sein? Und das gibt es nicht nur in christlichen Gemeinden. Das gibt es auch in Familien und in Freundschaften. Warum bemüht man sich nicht um Verlorene?


Verlieren, Finden und Feiern – darum geht es in dem Gleichnis von der verlorenen Drachme. Genauer sollte es heißen: Von der Drachme, die eine Frau verlor und wiederfand. Nur Lukas berichtet von diesem Gleichnis. Mit drei Gleichnissen reagiert Jesus auf die Vorwürfe und die falsche Haltung der geistlichen Führer (1f). Mit drei Gleichnissen macht Jesus deutlich: So wichtig und wertvoll ist jeder einzelne Mensch für Gott! Auf ersten Blick erscheint das zweite Gleichnis identisch mit dem ersten. Aber es gibt Unterschiede. Beim Gleichnis vom verlorenen Schaf sucht ein Mann. Hier sucht eine Frau. Erst ist es ein Hirte, dann eine Frau und zum Schluss ein Vater. Beim ersten Gleichnis fehlte 1% der Herde. Hier fehlen ganze 10% des Geldes. Und ein dritter Unterschied ist dieser: mit dem verlorenen Schaf hatte der Hirte sicher auch Mitleid. Um eine verlorene Münze hat niemand Mitleid.


1. Man kann Menschen verlieren


Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich, bis sie das Geldstück findet? V.8


Man kann Geld verlieren. Jesus schildert hier eine schlichte und alltägliche Erfahrung. Eine Frau verliert ein Geldstück. Darauf lässt sie alles stehen und liegen und sucht im ganzen Haus nach dem Geldstück. Die Frage ist in Wahrheit keine Frage: Welche Frau… zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Jede Frau würde das machen. Johannes Jessen übersetzt diesen Vers so: Denn stickt se en Licht an un stellt dat ganze Hus up’n Kopp un söcht in alle Ecken so lang un so gründli, bit dat se he Mark funn’n het.


Man kann einen Menschen verlieren. Auch das ist eine alltägliche Erfahrung, die Mensch machen. Vielleicht ist es ein Streit oder ein Missverständnis. Die Großeltern einer Bekannten von mir waren nicht einverstanden mit der Heirat ihrer Eltern. Sie waren dagegen. Darum haben sie den Kontakt abgebrochen. Man sieht sich nicht mehr. Man redet nicht mehr. Meine Bekannte hat ihre Großeltern väterlicherseits nie kennengelernt. Man sagt dann: Der kann mir gestorben bleiben.


Die Drachme entspricht dem Tageslohn eines Arbeiters. Sich damit abfinden, dass das Geld verloren ist? Niemals! Wie kann man sich damit abfinden? Gott sagt: Ich kann das nicht!! Wie kann man einen geliebten Menschen aufgeben?! Die Frau sucht nicht nach dem Geld, weil sie Mitleid hat mit dem verlorenen Geld. Nein, das motiviert sie nicht zum fleißigen Suchen. Es ist allein aus eigenem Interesse. Es ist aus Liebe.


„Kein Pharisäer hätte sich je etwas von einem solchen Gott träumen lassen. Selbst ein bedeutender jüdischer Gelehrter hat zugegeben, dass Jesus die Menschen mit diesem Gleichnis etwas völlig Neues über Gott gelehrt hat – dass Gott tatsächlich die Menschen sucht und nach ihnen forscht. (…) die Juden konnten es nicht fassen, dass Gott selbst ausging, um nach den Sündern zu suchen. Wir dagegen dürfen uns glücklich preisen, dass wir an die Liebe Gottes, der uns sucht, glauben; denn wir erkennen, dass diese Liebe in Jesus Christus Fleisch geworden ist, in Gottes Sohn, der gekommen ist, um die Verlorenen zu suchen und zu finden.”
(W. Barclay)


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2. Man kann Menschen wiederfinden


Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir; ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte. V.9


Man kann Geld wiederfinden. Es ist eine Frage der Wichtigkeit. Und man kann Menschen wiederfinden. Das ist eine Frage der Wichtigkeit. Wer wirklich finden will, wer es wirklich ernst meint mit dem Finden, wer mit Fleiß und Beharrlichkeit sucht, der kann finden. Wenn zwei sich wieder vertragen, dann war es mindestens einem sehr wichtig.


Versöhnung und Finderfreude haben viel gemeinsam. Wiederfinden hat oberste Priorität. Sollte es uns wundern, dass Jesus in seiner Auslegung vom Verbot des Tötens von der Wichtigkeit der Versöhnung spricht? Darum: wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe. Matth 5,23f „Jesus mal uns mit diesem Gleichnis die suchende, zurückholende, fürsorgende Liebe vor Augen. Er und sein Vater fühlen mit den Verlorenen, leiden geradezu unter dem Verlust.”
(H. Bruns)


Gott ist es so wichtig, verlorene Menschen wiederzufinden, dass er sich auch nicht vor dem höchsten Opfer scheut. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Joh 3,16 Paulus sagt es so: Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Röm 12,18 Im Gleichnis von den bösen Weingärtnern sehe ich auch diese Ernsthaftigkeit der Liebe Gottes. Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Matth 21,33ff Alles auf der Erde lässt sich finden, wenn man nur zu suchen sich nicht verdrießen läßt.
(Philemon, ca. 361 – 263 v. Chr., griech. Dichter)


Meine Lieder sing’ ich Dir, Von Liebe und Ewigkeit, Und zum Dank teilst du mit mir Meine Mittelmäßigkeit. – Kein Fels ist zu mir gekommen, Mich zu hören, kein Meer! Aber ich hab’ dich gewonnen, Und was will ich noch mehr?! (Reinhard Mey, Ich wollte wie Orpheus singen) Gott würde es genau so sagen: „Aber ich habe dich gewonnen. Was will ich noch mehr?!”


3. Man kann umkehren und froh werden


Ich sage euch: Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt. V.10


So viele Feiern sind es nicht wert, gefeiert zu werden. Für so viele Feiern gibt es keinen wirklichen Anlass. Aber wenn ein Mensch zum Glauben an Jesus kommt, dann darf gefeiert werden – dann muss gefeiert werden. Dann wird im Himmel gefeiert! Was für ein Kontrast zeigt Lukas hier: Da sind die geistlichen Führer, die murren, weil Jesus sich mit Zöllnern und Sündern trifft. Und dann wird uns ein Himmel beschrieben, in dem ein Fest stattfindet, weil ein Sünder zu Gott umgekehrt ist! Ich sage euch: Genauso freuen sich die Engel Gottes über einen einzigen Sünder, der ein neues Leben anfängt. (Die Gute Nachricht) Darum nahm Jesus sich Zeit für Sünder und Zöllner. Er glaubte, dass sie umkehren. Er glaubte an ein besseres Leben für sie. Er glaubte daran, dass Liebe verlorene Menschen zurückgewinnen kann.


„Das ist aber die größte Freude, wenn Menschen sich bekehren und zum eigentlichen Leben zurückfinden. Das Gegenteil ist die Selbstgerechtigkeit, die gar nicht ahnt, dass eine Umkehr zu Gott nötig ist.” (H. Bruns)


Der Kernpunkt aller drei Gleichnisse ist ein einfacher Gedanke: jeder einzelne Mensch ist Gott so wichtig, dass Er alles dafür tut, ihn zu finden. Und die Rettung eines verlorenen Menschen ist etwas so bedeutendes und wichtiges, dass der ganze Himmel ein Fest feiert.


Ich habe einen Schatz gefunden, /
und er trägt deinen Namen. /
So wunderschön und wertvoll mit keinem Geld der Welt zu bezahlen.

(Silbermond)



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