Muss ich vergeben?
Matthäus 18,21-35 / 16.10.2011 – V. Janke

Im kleinen Städtchen Braunfels bei Wetzlar steht ein altes Schloss. In einem der großen Säle hängt an der Wand das ungewöhnliche Erbe eines Streits. Dieser Streit hatte einen tödlichen Ausgang für die beiden Kontrahenten. Zwei stattliche Hirsche hatten ihre beiden mächtigen Geweihe so ineinander verhakt, dass sie nicht mehr voneinander loskamen. So fand man beide Tiere tot.


Heute weiß niemand, wer den Streit damals anfing, wer Schuld hatte. Ihre ineinander verhakten Geweihe hängen seitdem im Schloß Braunfels. Sie erinnern und mahnen: auch Menschen können sich durch Streit und Verletzungen so ineinander verhaken, dass sie scheinbar nicht mehr voneinander los kommen, dass sie am Weiterleben behindert sind. Das ist die Realität: Streit, Ungerechtigkeit, Egoismus und Gemeinheit fordern uns als Christen heraus, grenzenlos zu vergeben. Bist du vielleicht momentan so mit jemandem verhakt? Grollst du jemandem? Hat jemandem dich ernstlich gekränkt? Wie gehst du damit um, wenn dir Unrecht geschieht? Hast du gelernt, von Herzen zu vergeben?


Stell dir vor, du bist mit dem Rad unterwegs und bist guter Dinge. Du fährst auf der richtigen Straßenseite auf dem Radweg - nicht schneller als 50 Km/h. Dann siehst du, wie aus der Seitenstraße ein Auto kommt; die Fahrerin macht keinerlei Anstrengung deine Gegenwart zur Kenntnis zu nehmen; du musst eine Vollbremsung machen, stehst und schaust zu, wie der Wagen an dir vorbei fährt. Im Stillen denkst du: ‚Danke, Vater im Himmel, dass ich gesehen habe, dass sie mich nicht gesehen hat.‘ Ist das nicht die Realität im Straßenverkehr?! Um unbeschadet ans Ziel zu kommen, musst du auf die Fahrlässigkeit und den Egoismus anderer Rücksicht nehmen, musst hart bremsen, musst auf dein gutes Recht verzichten.


Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der mir die Vorfahrt nimmt, ausweichen? Ist siebenmal genug? Beim 8. Mal darfst du dann auf's Gas drücken nach dem Motto ‚Auge um Auge, Kotflügel um Kotflügel?‘


These: Wir dienen einem großen HERRN, der uns unsere große Schuld vergeben hat und grenzenlose Vergebung von uns erwartet.


1. Das Problem ist groß – wie oft muss ich vergeben? V.21f


Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.


Menschen werden aneinander schuldig – auch in christlichen Gemeinden. Ein Bruder verletzt dich, einmal, zweimal, dreimal... Das geschieht auch unter Christen. Bist du schon Mal verletzt worden? Petrus weiß um die Pflicht zu vergeben. Aber wie oft musst du vergeben? Die religiösen Lehrer sagten damals, man muss dem anderen 3 Mal vergeben. Petrus ist großzügig und setzt die Grenze der Vergebung bei 7 Verletzungen an. Doch Jesus sagt: „Dein Bruder wird deine Grenze überschreiten; darum übe dich in grenzenloser Vergebung.”


Das Problem ist nicht nur, dass Menschen immer wieder an uns schuldig werden. Das große Problem ist auch, dass wir Verletzungen zählen und rechnen, dass wir nicht vergessen wollen, wie oft wir schon vergeben haben. Die Bibel sagt, Die Liebe rechnet das Böse nicht zu; (1.Kor13,5) Wer wirklich liebt, zählt und rechnet nicht, führt keine geheimen Strichlisten; fragt nicht: wie oft muss ich...? Leben im Reich Gottes ist Leben unter dem Gesetz grenzenloser Vergebung. Wir dienen....


2. Die Schuld ist groß – viel zu groß. V.23-25


Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. Da er's nun nicht bezahlen konnte, ... Aus der Frage von Petrus schließt Jesus, dass seine Jünger unwissend waren über das Wesen und den Prozess der Vergebung.


Zuerst unterstreicht Jesus in diesem Gleichnis, wie unvorstellbar groß Schuld sein kann. ‚Der größte persönliche Schadenersatz wurde mit 78 Mill. Dollar am 29. September 1987 dem Fotomodell Maria Hanson (26) zugesprochen, deren Gesicht im Juni 1987 in New York City mit Rasiermessern entstellt worden war.‘ (Guinness Buch der Rekorde, 91, S.301)


Entstellt unsere Sünde nicht in ähnlicher Weise Gottes Gesicht? Zehntausend war die größte Zahl, die damals bekannt war. Ein Zentner/Talent war die größte Währung und entsprach etwa 15 Jahresverdiensten eines Tagelöhners. Deine Vorstellungskraft gerät bei dieser Schuld ins Wanken. Diese Summe macht dich schwindlig. Es ist, als ob Jesus sagt: „Du willst also rechnen, Petrus, willst Sünden zählen? O.k., dann lass uns dass auch in den richtigen Größenordnungen machen. Was du im Monat verdienst multiplizierst du mit 12 und dann mit 15 und dann mit 10.000. Bei einem angenommenen Verdienst von 1.800 Euro im Monat ergibt das eine Schuld von 3 Milliarden und 240 Millionen Euro!!! Bei der Schuld vergeht wohl jedem das Rechnen.





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Als zweites unterstreicht Jesus die verzweifelte Lage des Schuldigen: Da er's nun nicht bezahlen konnte... Für diesen Menschen gab es keine Hoffnung und kein Leben mehr. Niemand kann aus eigener Kraft seine Schuld vor Gott begleichen! Auf Dauer können wir mit unbezahlter Schuld nicht leben. Wie können wir leben ohne einen barmherzigen Gott? Wie können wir ohne Gnade leben? Ohne Gottes Vergebung gibt es kein erfülltes Leben. Schuld macht unfrei. Die verzweifelte Lage ist unserewir standen bei Gott in der Schuld. Das dürfen wir nie vergessen, wenn Menschen an uns schuldig werden, wenn wir versucht sind zu sagen: das kann ich nie verzeihen. Von Gottes Gnade müssen wir lernen. Wir dienen...


3. Der Herr ist groß – in seiner Barmherzigkeit. V.26


Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei, und die Schuld erließ er ihm auch. Gott vergibt Schuld! Er vergibt dir deine Schuld! Und wenn wir bedenken, wie groß unsere Schuld vor ihm war, dann können wir nur in Ehrfurcht staunen und danken! Dieser Herr fühlte die große Not und Verzweiflung seines Dieners als ob es seine eigene wäre. Im Deutschen sind die Worte Barmherzigkeit und Erbarmen christliche Prägungen, gebildet aus „arm” und „Herz” und einer Vorsilbe, die die Tätigkeit des Herzens ausdrückt: „Erbarmen” ist dem Wortsinn nach die Hinwendung zum Armen – das eigene schmerzliche Bewegtsein über die Not eines anderen. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.
(Ps 103,13)


Und ließ ihn frei... Dieses Wort ‚frei‘ ist voller Schönheit und Glanz. Doch wer kann dies Wort verstehen, ohne die Last eigener Schuld gespürt zu haben? FREI – das sollten wir oft durchbuchstabieren: F wie Frieden mit Gott und sich selbst! R wie Ruhe für meine Seele in allen Ängsten und im Sterben! E wie Erbarmen hat Gott mit mir – jetzt soll und kann ich mit anderen barmherzig sein! I wie Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Ich stärke dich. Ich helfe dir auch. Ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit. Frei – du bist frei! Du möchtest Gott morgens und mittags und abends mit Freude Dank sagen für deine Freiheit von aller Schuld! Wir dienen...


4. Der Schaden ist groß – wenn du nicht barmherzig bist. V.28-31


Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. Kann das sein? Kann ein Mensch eine so große Schuld erlassen bekommen und dann so unbarmherzig mit anderen sein? Ja. Erst konnte er seine eigene Schuld nicht bezahlen. Jetzt wollte er nicht vergeben. Vergebung ist zuerst eine Frage des Willens. Wenn Stephanus in seiner Todesstunde beten kann, Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an (Apg 7,60), willst du sagen: Ich kann nicht vergeben? Du kannst. Willst du vergeben?


Er ging hin und warf ihn ins Gefängnis... Ist dir schon mal bewusst geworden, dass die meisten Schulden nicht beglichen werden können? Geld kann keine Freundschaft und keine Ehe erhalten. Das kann nur Vergebung. Schmerzensgeld kann nie Vergebung ersetzen. Wer vergibt, erneuert und festigt eine Beziehung. Oder du wirfst Menschen ins Gefängnis deines Herzens: „Du kannst nicht mehr mein Freund sein...” Du stellst Menschen hinter Mauern, lässt sie nicht frei und bleibst selbst unfrei. Wer nicht vergibt, verliert: Freunde, Gemeinschaft, Segen, Leben. Wer nicht vergibt, gewinnt nichts! Verweigerte Vergebung kann eine Ehe, eine Familie, auch eine Gemeinde sehr belasten. Wir dienen...


5. Die Verpflichtung ist groß – wir sollen grenzenlos vergeben! V.32-35


V.32f Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten... Der barmherzige Herr kann auch sehr zornig und hart sein, wenn wir nicht bereit sind, anderen zu vergeben. Wir sind verpflichtet, einander von Herzen zu vergeben! Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. Eph 4,32 ... wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt. V.35 Der Schlüssel zur Vergebung ist das Herz. Das Herz trifft die bewusste, willentliche Entscheidung, manchmal auch gegen die Gefühle: ich vergebe dir! Vergebung müssen wir lernen. Wir müssen lernen, richtig zu fragen. Nicht: Herr, wie oft muss ich...? Sondern, Herr, wie viel hast du mir vergeben? Ist Vergebung einfach? Absolut nicht! Ist Vergebung notwendig? Immer! Ist Vergebung immer möglich? Ja. Denn Gebote Gottes sind auch Ermächtigungen. Wir dienen einem großen HERRN, der uns unsere große Schuld vergeben hat und grenzenlose Vergebung von uns erwartet.



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